Stephan Lichtsteiner ist beim FCB mit einem hohen Anspruch gestartet: intensiver Fussball, Dominanz, Entwicklung und eine Mannschaft, die Spiele aktiv kontrolliert. Nach rund sechs Monaten ist davon in Ansätzen etwas zu erkennen – als funktionierendes Gesamtbild aber noch zu wenig. Der FCB wirkt strukturiert und bemüht, doch offensiv fehlt weiterhin die Klarheit, die aus Ballbesitz Chancen, Tore und Resultate macht.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob Lichtsteiner eine Idee hat. Er hat offensichtlich eine Vorstellung davon, wie seine Mannschaft auftreten soll. Entscheidend ist vielmehr, ob diese Vorstellung zum vorhandenen Kader passt – und ob er bereit ist, sie anzupassen, wenn sie auf dem Platz nicht funktioniert.
Das System wirkt wichtiger als das Personal
Der bisherige Eindruck ist, dass Lichtsteiner stark an seinem System und an festen Rollen festhält. Das kann eine Stärke sein: Eine Mannschaft braucht Regeln, Abläufe und Verlässlichkeit. Beim FCB entsteht aber zunehmend der Eindruck, dass die Struktur den Spielern nicht hilft, ihre besten Eigenschaften auszuspielen.
Shaqiri ist dafür das deutlichste Beispiel. Er war unter den Vorgängern der prägende Unterschiedsspieler, mit Toren, Assists, Standards und jenen Momenten, die enge Spiele entscheiden. Unter Lichtsteiner hat er massiv an Einfluss und Scorerwert verloren. Das kann nicht allein am Alter, an Form oder an stärkerer Bewachung liegen.
Wenn der kreativste und erfahrenste Spieler eines Kaders in einem neuen System deutlich weniger zur Geltung kommt, muss man sich fragen, ob seine Rolle falsch definiert ist. Shaqiri braucht Freiheiten im rechten Halbraum und in Strafraumnähe, Läufe um sich herum und Abnehmer für seine Pässe. Aktuell erhält er zu oft den Ball gegen eine bereits geordnete Abwehr oder wird in Aufgaben gebunden, die nicht seine grössten Stärken betreffen.
Die Offensive bleibt das Hauptproblem
Der FCB hat unter Lichtsteiner noch keine verlässliche Antwort darauf gefunden, wie er kompakte Gegner bespielen will. Gegen Lausanne war genau das sichtbar: viel Ballbesitz, ordentliche Kontrolle, aber kaum echte Gefahr. Es fehlten Tempoveränderungen, klare Laufwege hinter die Abwehr, Überladungen, gute Strafraumbesetzung und ein Muster, das wiederholt zu Abschlüssen führt.
Das Problem ist nicht, dass jeder Angriff schön aussehen muss. Aber ein Team mit Basels Anspruch muss in einem Heimspiel auch dann Chancen erzeugen können, wenn der Gegner tief steht. Momentan entsteht zu viel aus Einzelaktionen, Zufällen oder Standards – und zu wenig aus einem wiedererkennbaren Offensivspiel.
Die Kritik am Trainerteam ist deshalb berechtigt: Wenn der erste Matchplan nicht funktioniert, sind Anpassungen bislang kaum sichtbar. Es fehlt der Eindruck, dass während eines Spiels andere Räume bewusst gesucht, Rollen verändert oder neue Kombinationen ausprobiert werden.
Kein Stürmer profitiert
Besonders alarmierend ist, dass unter Lichtsteiner bislang kein Stürmer wirklich funktioniert. Das ist nicht nur ein Problem einzelner Namen oder mangelnder Abschlussqualität. Schon zuvor war der FCB vorne nicht zuverlässig genug, aber ein Trainer muss wenigstens ein Umfeld schaffen, in dem ein Neuner regelmässig zu klaren Abschlüssen kommt.
Bei Basel ist das zu selten der Fall. Der Stürmer ist oft isoliert, erhält zu wenige verwertbare Hereingaben und hat zu wenig Mitspieler, die konsequent in den Strafraum nachrücken. So wird jeder Neuner automatisch zum Problemfall: Er wirkt unsichtbar, verliert Selbstvertrauen und bekommt am Ende die Verantwortung für eine Schwäche, die eigentlich das gesamte Angriffsspiel betrifft.
Celar kann ein Torjäger sein, aber er braucht Bälle. Ein Stürmer wird nicht besser, wenn er pro Spiel nur auf einen Penalty, einen abgefälschten Ball oder eine einzelne Flanke hoffen kann. Die entscheidende Entwicklung wäre deshalb nicht nur, dass Celar trifft, sondern dass man erkennt, wie Basel ihm bewusst Chancen vorbereitet.
Kaum erkennbare Entwicklung
Noch kritischer als einzelne Resultate ist die fehlende individuelle Entwicklung. Nach einem Trainerwechsel sollte man nach einigen Monaten sehen, dass bestimmte Spieler besser, stabiler oder klarer in ihrer Rolle werden. Bislang ist es schwierig, beim FCB einen offensichtlichen Gewinner der Lichtsteiner-Zeit zu benennen.
Shaqiri hat an Wirkung verloren. Die Stürmer bleiben ohne Rhythmus. Die offensiven Spieler finden keine stabilen Rollen. Auch bei jüngeren Akteuren ist bisher kein klarer Entwicklungssprung sichtbar, bei dem man sagen könnte: Dieser Spieler hat unter Lichtsteiner spürbar an Selbstverständnis, taktischem Verständnis oder Output gewonnen.
Das bedeutet nicht, dass jeder Spieler schlechter geworden ist. Aber es fehlt die positive Geschichte, die ein Trainerprojekt trägt: ein Spieler, den man vor sechs Monaten als Talent, Ergänzungsspieler oder Problemfall gesehen hat und der heute klar besser dasteht.
Schlüsselspieler auf Abruf
Zusätzlich problematisch ist die Abhängigkeit von Spielern, die möglicherweise noch verkauft werden. Metinho und Otele als Schlüsselspieler zu bezeichnen, ist sportlich logisch. Metinho stabilisiert das Zentrum, Otele bringt Tempo und direkte Gefahr. Gleichzeitig ist es riskant, das Spielmodell so stark auf sie auszurichten, wenn ihre Abgänge weiterhin realistisch sind.
Ein Trainer darf und soll seine besten Spieler aufstellen. Aber ein belastbares Trainerteam muss parallel eine funktionierende zweite Lösung einüben. Gerade weil der FCB offensiv ohnehin noch keine klare Identität hat, wäre ein Abgang von Metinho oder Otele nicht einfach durch einen Ersatz auf derselben Position zu beheben. Es würde die ohnehin fragile Statik der Mannschaft weiter schwächen.
Die Aussage, man suche erst nach einem Abgang eine Lösung, wäre deshalb zu wenig. Ein Plan B muss bereits im Training sichtbar sein, nicht erst dann, wenn das Transferfenster geschlossen oder ein Schlüsselspieler weg ist.
Was jetzt verlangt wird
Lichtsteiner muss nicht sofort alles über Bord werfen. Ein Trainer braucht Haltung und darf nicht nach zwei schlechten Resultaten jede Grundidee wechseln. Aber er muss zeigen, dass seine Idee flexibel genug ist, um den Kader stärker zu machen statt ihn in ein starres Gerüst zu pressen.
Konkret braucht es jetzt:
• Eine freiere, passendere Rolle für Shaqiri mit mehr Aktionen im rechten Halbraum und näher am Strafraum.
• Klare Angriffsmuster, die Celar und die weiteren Stürmer regelmässig in Abschlusspositionen bringen.
• Mehr Dynamik ohne Ball: Läufe hinter die Kette, einrückende Flügel, nachstossende Achter und konsequent besetzte Strafräume.
• Sichtbare Anpassungen während der Spiele, wenn der Gegner den ersten Plan neutralisiert.
• Einen vorbereiteten Plan ohne Metinho und Otele, damit mögliche Transfers nicht das ganze Mannschaftsgefüge erschüttern.
• Mindestens zwei bis drei Spieler, bei denen in den nächsten Monaten eine klare positive Entwicklung erkennbar wird.
Schlussgedanke
Lichtsteiner ist nicht daran zu messen, ob der FCB schon perfekt ist. Er ist daran zu messen, ob der FCB erkennbar besser wird und ob seine Arbeit Spieler besser macht. Genau dort bleibt die Zwischenbilanz derzeit ernüchternd.
Es gibt Einsatz, Ordnung und einzelne kontrollierte Phasen. Was fehlt, sind offensiver Mut, klare Mechanismen, Entwicklung und die Fähigkeit, enge Spiele selbst zu entscheiden. Der FCB sieht unter Lichtsteiner bislang eher nach einer Mannschaft aus, die versucht, ein System zu erfüllen, als nach einer Mannschaft, deren System ihre besten Spieler aufblühen lässt.
