
FCB-Neuzugang Philip Otele: «Für das Studium nach Europa zu kommen, war der klassische Weg»
Dieser Artikel wurde von BZ publiziert.
FCB-Neuzugang Philip Otele: «Für das Studium nach Europa zu kommen, war der klassische Weg»
Philip Otele machte einen Bachelor-Abschluss, ehe er seine Fussballer-Karriere lancierte. Seit Januar spielt der 25-jährige Nigerianer für den FC Basel. Vor dem Transfer erkundigte er sich auch bei einem bei einem Ex-FCB-Spieler über den Klub, mit dem er bis zu seinem Leih-Ende im Sommer Grosses vorhat.
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Erstes Spiel, erstes Tor: Zwölf Minuten war Philip Otele bei seinem Debüt im FCB-Dress am 26. Januar auf dem Platz, um einen Treffer zum 4:1 gegen den FC Sion beizusteuern.
Sie haben Sie Ihre Zelte in den Vereinigten Arabischen Emiraten nach nur sechs Monaten wieder abgebrochen. Was ist schiefgelaufen?
Philip Otele: Ich würde nicht sagen, dass da etwas schiefgelaufen ist. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich eine neue Umgebung brauche, um mich wieder zu entfalten. Basel war schon im Sommer interessiert. Es freut mich, dass es jetzt geklappt hat.
Im Sommer scheiterte der Transfer noch an der Ablöse.
Es war kompliziert. Al-Wahda war sich mit meinem Verein Cluj schnell einig, weil sie die geforderte Ablösesumme (rund 3,5 Millionen Euro, Anm. d. Red.) zahlen konnten. Ich hatte auch andere Angebote, entschied mich am Schluss aber für das Abenteuer Emirate.
Weil es auch für Sie finanziell das lukrativste Angebot war?
Das war es, aber Geld war nicht der alleinige Grund, warum ich zu Al-Wahda gewechselt bin. Ich habe recherchiert und den Verein auch nach meiner Ankunft als sympathisch und ambitioniert wahrgenommen. Die Stimmung in der Kabine war eine der besten in meiner gesamten Karriere. Aber manchmal hat das Leben auch schwierigere Kapitel für dich bereit.
Sie standen nur 13 Mal für Al-Wahda auf dem Platz, zum Schluss nur noch als Joker. Warum hat es dort sportlich nicht funktioniert?
Ich hatte Mühe, mich anzupassen. Das heisse Wetter, die neue Umgebung, bis auf einen Besuch meiner Eltern war ich alleine dort. Vor allem aber merkte ich, dass die Verantwortlichen und ich eine andere Idee von Fussball haben. Zum Beispiel als es nach meinen letzten beiden Spielen hiess, ich sei nicht gut gewesen. Dabei fand ich, dass meine Leistungen in diesen Spielen die besten in meiner ganzen Zeit dort waren.
Wie beurteilen Sie die Entwicklung, dass immer mehr gute Spieler des Geldes wegen in die Wüste wechseln?
Dort machen die Verantwortlichen auch einen guten Job. Auch die einheimischen Spieler sind gut. Der Fussball gehört niemandem. Jeder kann entscheiden, wann er wo spielen möchte. Unter welchen Umständen wer wo bereit ist, in den Fussball zu investieren, ist die persönliche Entscheidung der Geldgeber.
Philip Otele trug nur 13 Mal das Trikot von Al-Wahda und schoss dabei kein Tor.
Sie haben einen aussergewöhnlichen Werdegang, gingen als Teenager für ein Studium nach England und wurden erst später Fussballer. Wie kam es dazu?
In meiner Familie steht die Schule an erster Stelle. Meine Eltern sind Geschäftsleute und haben viel gearbeitet, um uns Kindern ein privilegiertes Leben zu ermöglichen. Und sie wollten, dass ich erst ein Studium abschliesse, ehe ich versuche, Profi-Fussballer zu werden. Auch zwei meiner älteren Geschwister – ich habe insgesamt drei Brüder und drei Schwestern – studierten bereits in England. Heute sind die Oteles über die ganze Welt verteilt, leben in England, Nigeria, Kanada, Malaysia oder in der Schweiz. Für viele Afrikaner ist das der klassische Weg, fürs Studium nach Europa zu ziehen. Also studierte ich in Middlesbrough Sportmanagement und Marketing bis zum Bachelor. Für einen Job im Sportmanagement habe ich mich allerdings nie beworben. (Lacht.)
Sie trugen als Teenager kurz das Trikot des FC Arsenal.
Von klein auf war ich Fan, da ich mit meinem älteren Bruder viele Arsenal-Spiele im Fernsehen angeschaut habe. Ich war bei einem Besuch in London als Kind auch einmal im Emirates-Stadion. Später trug ich für zwei Spiele das Trikot. Ich war in einem Feriencamp, fiel dort auf und durfte etwas länger bleiben. Aber da ich damals erst 14 Jahre alt war, musste ich für den Schulbeginn wieder zurück nach Nigeria und erst die Sekundarschule abschliessen. Das ist in Nigeria schon mit 16 Jahren der Fall. Deswegen war ich an der Uni dann immer einer der jüngsten.
Während Ihres Studiums spielten Sie für mehrere Teams in jeder freien Minute Fussball.
Fürs Uni-Team, für ein Amateur-Team und in der Sunday League. Ich hatte immer im Hinterkopf, Profifussballer zu werden, obwohl ich auch in meiner Jugend in Port Harcourt nie professionell in einer Fussballakademie trainierte. Nach dem Bachelor-Abschluss schlug ich dann diesen Weg ein.
Allerdings mussten Sie dafür England verlassen.
Ich bekam keine Arbeitserlaubnis und konnte deswegen in England kein Geld mit Fussball verdienen. Weil ein Freund meines Vaters den Sportdirektor bei Kauno Zalgiris kannte, unterschrieb ich nach bestandenem Probetraining meinen ersten Profivertrag in Litauen.
Sie blieben drei Jahre.
Es war eine harte Zeit, es war noch kälter als in der Schweiz. (Lacht.) Aber es war auch eine wichtige Zeit. Vor allem taktisch lernte ich viel, da dies in meiner Strassenfussballerkarriere bis zu diesem Zeitpunkt zu kurz kam. Doch ich entwickelte mich gut, lernte von einigen guten Trainern, konnte viel spielen und auch erste internationale Partien absolvieren, ehe ich nach Rumänien wechselte.
Für Kauno Zalgiris schoss Philip Otele in 71 Spielen 13 Tore und bereitete fünf vor.
Welche Vorteile haben Sie heute durch den für Profifussballer doch eher unüblichen Karriereverlauf?
Ich bin wirklich froh, diesen Weg gegangen zu sein. Persönlich wurde ich so schneller erwachsen und fussballerisch wurde ich zu einem kreativen Spieler, der auf dem Platz gerne frei ist und auch mal überraschende Dinge tut. Natürlich weiss ich, dass es auch Disziplin braucht. Aber die für den Amateurfussball wichtigen Attribute wie Durchsetzungsvermögen und Kreativität sind heute meine Stärken. Ganz ehrlich: Ich spiele immer noch ähnlich wie in meiner Jugend in Nigeria, wo wir jede freie Minute dem Ball hinterhergejagt sind.
Wer waren damals Ihre Idole?
Messi, ich liebte es als Kind, ihm zuzuschauen. Später wurde es dann Neymar.
Hatten Sie jemals Kontakt zur nigerianischen Nationalelf?
Nein, aber sie ist nicht weit weg. Wir werden sehen.
Gibt es auch Nachteile, als Kind nie professionell trainiert zu haben?
In Sachen Fitness und Taktik hatte ich viel Nachholbedarf. Aber das konnte ich in Litauen aufholen.
Gelang Ihnen das dank Bachelor-Abschluss schneller als einem durchschnittlichen Fussballer?
Fussball und Bildung haben für mich wenig gemeinsam. Es gibt auch schlechte Schüler, die im Fussball taktisch hervorragend sind. Unterbewusst mag mir die Ausbildung aber sicher auch im Fussball geholfen haben.
Sie gaben bei Ihrer Vorstellung beim FCB als Hobby Schwimmen an. Auch unüblich für Fussballer. Wie kam es dazu?
Meine Mutter ist mit der Familie immer ins Schwimmbad gegangen, als ich klein war. So sind wir alle gute Schwimmer geworden.
Was ist Ihre Lieblingstechnik?
Rückenschwimmen, da kann man auch entspannen. Schmetterling ist nicht so mein Ding. (Lacht.) Aber professionell habe ich aus das nie gemacht. Wettkämpfe gab es nur unter Freunden. In Port Harcourt gab es auch einen Fluss, in dem wir hin und wieder schwammen.
Auch in Basel schwimmen die Menschen im Sommer im Rhein.
Wirklich? Dann steht das ab sofort auch auf meiner To-do-Liste.
Nach Ihrer Unterschrift beim FC Basel posteten Sie auf Social Media das Wort «Revival». Waren Sie in der Wüste zuvor nicht lebendig?
Sagen wir so: Ich habe bei Al-Wahda eine Dürre durchgemacht und war froh, in Basel wieder Luft zum Atmen zu bekommen. Es tat mir gut, dass mit dem FC Basel eine neue Herausforderung kam.
Gegen Lausanne flog Philip Otele des Öfteren höher als seine Gegenspieler.
Aktuell sind Sie mit Kaufoption ausgeliehen. Hoffen Sie, dass der FCB Millionen in die Hand nimmt und Sie länger bleiben können?
Momentan möchte ich mich mit Leistungen empfehlen, der Mannschaft helfen und den Titel gewinnen. Was dann kommt, sehen wir. Aber es würde mich schon freuen, wenn ich noch etwas länger in Basel bleiben könnte.
Wann hatten Sie zum ersten Mal Kontakt mit dem FC Basel? Schon im Sommer?
Nein, erst im Winter hatte ich ein Gespräch mit Sportdirektor Daniel Stucki. Mir war schnell bewusst, dass dieses Angebot eine Chance ist, die ich wahrnehmen möchte.
Was wussten Sie über den FC Basel vor Ihrer Ankunft in der Schweiz?
Jeder in der Fussballwelt kennt den FC Basel. Ich wusste, dass der FCB die grösste Mannschaft der Schweiz ist. Dass sie regelmässig in Europa spielen. Marwin Hitz und Xherdan Shaqiri kannte ich vom Namen her und ich wusste auch, dass Granit Xhaka aus Basel kommt.
Haben Sie auch Ihren Cluj-Mitspieler Arlind Ajeti um Rat gefragt?
Ja. Er schwärmte nur so von Basel und seine Empfehlungen waren auch ein Faktor, warum ich mich am Ende für den FCB entschieden habe.
Philip Otele und Arlind Ajeti (Mitte) spielten gemeinsam in Rumänien für Cluj.
Hat Arlind Ihnen auch gesagt, dass Sie seinem Bruder Albian nicht den Platz wegnehmen sollen?
Nein. Klar sind wir beide Offensivspieler und deswegen Konkurrenten. Aber um erfolgreich zu sein, müssen alle Spieler gut spielen. Ich gönne auch Albian jede gute Aktion.
Beim FCB gelang Ihnen ein Traumstart. Zwölf Minuten nach Ihrer Einwechslung trafen Sie gegen Sion mit dem ersten Abschluss für den neuen Klub.
Beim Debüt zu treffen, ist für jeden Angreifer ein Traum. Die Teamkollegen und der Staff haben mir die Integration aber auch sehr leicht gemacht. Ich wusste vom ersten Training an, dass es gut werden würde.
Vor sechs Jahren studierten Sie noch und kickten in der Sunday League, jetzt assistiert Ihnen ein zweifacher Champions-League-Sieger. Verrückt, oder?
Ich weiss, ich weiss. Das ist wirklich nur schwer zu realisieren. Manchmal liege ich nachts wach und danke Gott, wie weit ich in meiner Karriere gekommen bin.
War abgesprochen, dass Shaqiri bei Ihrem Debüt gegen Sion den Ball kurz auf den ersten Pfosten schlägt?
Ich sagte eigentlich, ich käme kurz, um Zeit von der Uhr zu nehmen. Aber dann habe ich gesehen, dass dort eine Lücke war und Shaqiri hat mich gefunden. Ich habe meinen Instinkten vertraut.
Auf welcher Position spielen Sie am liebsten?
Solange ich in der Offensive wirbeln kann, ist mir die Position egal. Die meiste Zeit meiner Karriere verbrachte ich auf dem linken Flügel, aber auch im Sturmzentrum kann ich aufblühen, wenn das Team gut in Form ist.
Gegen Servette FC spielte Philip Otele im Sturmzentrum. In dieser Szene enteilt er dem Ex-Basler Kasim Adams.
Wie ist das Spielniveau in der Schweiz im Vergleich zu den Emiraten?
Auf jeden Fall schneller. Auch technisch und taktisch ist es leicht anspruchsvoller. Aber auch in den Emiraten wird guter Fussball gespielt.
Und im Vergleich zu Rumänien?
Sehr ähnlich, wobei in Rumänien sicher körperbetonter gespielt wird. Der Schweizer Fussball liegt mir. Hier spielen fast alle Teams nach vorne. Es gibt viele Möglichkeiten für Offensivspieler.
Der FC Basel ist aktuell Zweiter. Wie lauten Ihre persönlichen Ziele?
Ganz ehrlich: Ich will den Titel gewinnen. Vor einem Jahr war ich mit Cluj kurz davor und wir wurden Zweiter. Das motiviert mich umso mehr, dieses Jahr am Ende ganz oben zu stehen.
Hinweis
Das Gespräch fand im Rahmen einer Medienrunde mit der «Basler Zeitung» und dem «Blick» statt.
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