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AboFCB-Flügel im Interview

Bénie Traoré: «Man darf den Fussball nicht töten»

Benie Traore vom FC Basel zeigt einen enttäuschten Gesichtsausdruck während des Super-League-Spiels gegen FC Zürich in Basel, 21. September 2024.
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Dass Bénie Traoré am Sonntag beim Rückrundenstart des FC Basel in Lugano spielen darf, ist nicht selbstverständlich. Ein Einsteigen an St. Gallens Jordi Quintilla im vorletzten Spiel des Jahres 2024 brachte dem 22-Jährigen eine Rote Karte und zwei Spielsperren ein. Erst nach Einsprache des FCB wurde die Strafe auf ein Spiel reduziert. Die BaZ hat den Offensivspieler von der Côte d’Ivoire zum Interview getroffen und sich mit ihm unter anderem darüber unterhalten.

Bénie Traoré, wir würden mit Ihnen gerne über eine Rote Karte sprechen.

(lacht)

Sie lachen bereits. Warum?

Weil ich wusste, dass die Frage kommt und es meiner Meinung nach kein Rot war. Es stimmt, die Situation war nicht ungefährlich. Aber man sieht, dass ich klar auf den Ball gehe und diesen dann auch sauber spiele.

Lassen Sie uns die Szene Schritt für Schritt besprechen.

Gut.

Sie setzten zur Grätsche an, um den Ball zu Anton Kade zu spielen. Haben Sie da Ihren Gegenspieler Jordi Quintilla schon wahrgenommen?

Ich sah ihn kommen, aber ich war dann ganz auf den Ball fokussiert und wollte nur den Pass spielen. Von Anfang an war mir klar, dass ich vor meinem Gegenspieler am Ball sein würde. Deshalb bin ich auch reingerutscht.

Nach dem Pass kam es zum Kontakt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie Quintilla trafen?

Ich nahm durchaus wahr, dass ich ihn berührte. Aber dadurch, dass mein Blick ganz dem Ball galt, war mir nicht bewusst, wo und wie fest. Und beabsichtigt war es natürlich nicht. Ich hinterfragte es auch nicht, weil für mich in dem Moment einfach klar war, dass ich den Ball spielte.

Nach dem Jubel über Anton Kades Tor folgte der Schreck: Schiedsrichter Lionel Tschudi ging zum Bildschirm. Ahnten Sie da schon die Konsequenzen?

Nun ja. Ich wusste ja, dass ich den Gegenspieler traf, also war ich in erster Linie gespannt darauf, wie der Entscheid ausfallen wird. Aber als es dann gleich Rot gab, war ich wirklich überrascht und wusste nicht, wie ich reagieren sollte.

Bénie Traoré findet es bis heute falsch, dass er in St. Gallen Rot sah.

Hat der Schiedsrichter mit Ihnen in der Folge kommuniziert?

Auf dem Feld gab es keine Kommunikation. Nach dem Spiel sagte er zu mir, ich könne vorbeikommen und er würde mir den Entscheid erklären. Aber ich war sehr enttäuscht und bin nicht gegangen.

Hätte das Tor zählen müssen?

Ja, dass es annulliert wurde, ist für mich noch immer unverständlich. Am Ende ist es Fussball. Das ist ein harter Sport.

Nun sind einige Wochen vergangen. Was bleibt von dieser Episode in Ihrem Kopf?

In erster Linie ist wichtig, dass sich Jordi Quintilla nicht verletzt hat. Auch bin ich froh darüber, dass die zwei Spielsperren nachträglich auf eine Sperre reduziert wurde und ich gegen Lugano am Sonntag wieder spielen kann.

Bleibt auch eine gewisse Verunsicherung?

Ja, das lässt sich wohl nicht abstreiten. Möglicherweise haben diese Vorkommnisse dazu geführt, dass ich mich künftig in einer vergleichbaren Situation eher zurückhalten könnte. Und auch bei anderen Spielern spüre ich teilweise diese Verunsicherung. In unserer Kabine sind fast alle der Meinung, dass es niemals hätte Rot geben dürfen.

Leon Avdullahu sagte nach dem Spiel in St. Gallen etwas überspitzt, die Spieler wüssten selbst nicht mehr genau, wie die Regeln genau sind. Ist das so?

Wir wissen, wie die Regeln lauten. Aber viele sind nicht mit allem zu 100 Prozent einverstanden. Oder vielmehr damit, wie sie angewendet werden.

Auch Handspiele sorgten schon für viele Diskussionen.

Auch da gibt es die eine oder andere Situation, in der sich mir die Regelauslegung nicht ganz erschliesst. Wie ist das jetzt mit der Absicht? Wie mit der natürlichen Körperhaltung?

Braucht der Fussball also klarere Regeln?

Ich halte es für unmöglich, dass wir in diesem Punkt vollständige Einigkeit finden. Diskussionen wird es immer geben. Für mich entscheidend ist die Interpretation der Regeln.

«Wenn alle Spieler aus Angst vor Sanktionen immer zurückziehen, haben wir eine andere Sportart.»

Nach dem Spiel in St. Gallen äusserte sich Xherdan Shaqiri kritisch gegenüber dem Niveau der Schiedsrichter in der Super League. Wie sehen Sie das?

Allgemein will ich das nicht beurteilen. Aber auf diese eine Aktion bezogen: Ich denke nicht, dass überall in Europa auf Foul entschieden worden wäre.

Das Problem liegt also nicht zwingend bei den Regeln, sondern vielmehr bei der Regelauslegung der Schiedsrichter?

Absolut. Soll man jedes Mal zurückziehen, wenn man den Gegner touchieren könnte? Das hat doch mit Fussball nichts zu tun. Fussball ist eine risikoreiche Sportart. Verletzungen gehören leider dazu, sofern sie nicht durch Absicht entstehen.

Die gesamtheitliche Entwicklung des Fussballs geht dahin, dass die Gesundheit der Spieler immer wichtiger wird. Hat man es damit mittlerweile übertrieben?

Es ist ein schmaler Grat. Natürlich ist es wichtig, auf die Gesundheit zu achten. Aber man darf den Fussball nicht töten. In St. Gallen war das in meinen Augen teilweise der Fall.

So weit würden Sie gehen?

Nun ja, wenn alle Spieler aus Angst vor Sanktionen immer zurückziehen, haben wir eine andere Sportart mit weniger Zweikämpfen und womöglich weniger Toraktionen.

Und bezogen auf den Fussball als Ganzes?

Da geht es schon in die richtige Richtung. Niemand spielt Fussball, um verletzt zu werden.

Sie haben bereits angesprochen, dass Sie gegen GC gesperrt waren. Wie gross war Ihr Frust?

Gross. Und umso grösser, weil wir das Spiel verloren haben. Diese Rote Karte, die nie eine hätte sein dürfen, hat mich um die Möglichkeit gebracht, in jener Partie mitzuhelfen, die uns zum Wintermeister hätte machen können.

Bénie Traoré hatte in dieser Saison auch schon viel zu bejubeln. Beispielsweise dieses Volley-Tor gegen Yverdon.

In dieser Saison läuft es ansonsten gut für Sie. Sie haben in der Liga schon sechs Tore geschossen und fünf Vorlagen gegeben. Haben Sie das vor der Saison erwartet?

Um ehrlich zu sein, nein. Ich hatte eine sehr komplizierte Saison hinter mir und alles, was ich wollte, war Fussball zu spielen und die Liebe zum Sport wiederzufinden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich eine entscheidende Rolle spielen werde und der Mannschaft so stark helfen kann.

Wie haben Sie die Liebe zum Fussball verloren?

Ich habe in der vorangegangenen Saison bei Sheffield und Nantes nicht viel gespielt. Sie können sich vorstellen, dass das für einen jungen Fussballer nicht einfach ist.

Wie erklären Sie es sich, dass auf eine Phase mit zwölf Toren in 14 Ligaspielen beim BK Häcken in Schweden ein Jahr ohne Torerfolg bei Sheffield und Nantes folgte?

Die einfache Antwort lautet: Ich habe kaum gespielt. Die Premier League war sehr hart. Es ist nicht einfach, aus Schweden direkt den Sprung in eine Startelf in der besten Liga der Welt zu schaffen. Da hätte man etwas mehr Geduld mit mir haben müssen. In der Ligue 1 war es ähnlich.

Wie war jene Zeit für Sie?

Es ist eines der schlimmsten Gefühle für einen Spieler, wenn er weiss, dass er die nötigen Fähigkeiten hätte, doch die Chance nicht bekommt, es zu zeigen. Aber im Fussball muss man geduldig sein.

Denken Sie im Nachhinein, Sie sind zu früh in eine der Top-Ligen gewechselt?

Vielleicht kann man sagen, dass der Wechsel in die Premier League zu früh kam. Und dennoch: Hätte man mehr Geduld mit mir gehabt und mich besser auf den Rhythmus in England vorbereitet, hätten wir diese Diskussion jetzt möglicherweise nicht. Ich habe davon geträumt, in England zu spielen, und bereue nicht, dass ich diese Chance genutzt habe.

Bénie Traoré von Sheffield United unterschreibt ein Autogramm für einen jungen Fan bei einem Premier-League-Spiel im Bramall Lane Stadion in Sheffield am 25. November 2023.

Jene Zeit in England und Frankreich in der Saison 2023/24 war nicht die einzige schwierige Phase in Ihrer Karriere. Im März 2022 erlitten Sie einen Bruch im Unterschenkel, woraufhin Sie mehrere Monate ausfielen und dem Karriereende nah waren.

Das war sehr schwierig. Umso mehr, weil ich ganz alleine in Schweden war.

Was hat Ihnen in dieser Zeit am meisten geholfen?

Der Glaube an Gott hat mich damals gehalten. Auch der Glaube an mich selbst und die Fortschritte, die ich jeden Tag während meiner Genesung gesehen habe. Und da waren natürlich meine Teamkollegen und der Club, die mir Hoffnung gegeben haben.

Nun sind Sie in Basel und alles ist gut?

Tatsächlich hat es hier sofort gepasst. Der Trainer, die Mitspieler, der Club, alles. Die Fans singen bei den Spielen ununterbrochen und kreieren unglaubliche Choreos. Das ist es, wonach ich gesucht habe, um mein Talent zu zeigen und den Fussball zu leben, wie ich ihn kenne.

Dennoch konnten Sie im Vornherein nicht wissen, dass es so gut herauskommen würde. Sie kamen aus einer schwierigen Saison, der FCB auch. Da waren sicherlich gewisse Zweifel.

Natürlich. Ich war mir zu Beginn nicht sicher, ob ein Wechsel zum FC Basel nach einer solchen Saison für beide Seiten das Richtige ist. Aber nach den Gesprächen mit dem Sportdirektor und dem Trainer gab es für mich tatsächlich nicht mehr viel zu überlegen.

Und Sie haben mit Ihrem Landsmann und Ex-FCB-Spieler Geoffroy Serey Dié gesprochen.

Ja, ein bisschen. Er sagte mir: Das ist ein grosser Club, du musst sofort gehen. Sie werden sich gut um dich kümmern.

Tatsächlich hat man Ihnen in Basel schnell angesehen, dass Sie sich wohlfühlen. Sie haben gerade zu Beginn locker und verspielt gewirkt auf dem Feld. Woher kommt diese Spielweise?

Meinen Spielstil habe ich seit meiner Kindheit, und bis heute habe ich nicht viel daran geändert. Damals war Ronaldinho mein grosses Vorbild, ich schaute mir Videos an, in meinem Zimmer hingen Poster von ihm. Aber im Alter von etwa 13 Jahren habe ich mir gesagt, dass ich kein Vorbild mehr brauche. Ich wollte einfach so sein, wie ich bin.

Wie muss man sich Ihre ersten Kontakte mit dem Fussball vorstellen?

Fussball ist unglaublich wichtig in meinem Land. Als kleiner Junge an der Côte d’Ivoire habe ich oft mit meinen Freunden aus der Nachbarschaft gespielt. Oftmals spielte ich gegen Ältere, konnte mit sieben schon mit den 15- und 16-Jährigen mithalten. Tatsächlich sprachen auch immer wieder Leute, die mich spielen sahen, meine Eltern deswegen an. Doch diese wollten anfänglich nicht, dass ich Fussballer werde.

Weshalb?

Sie wollten, dass ich studiere, vielleicht Anwalt werde oder Richter. Als sie dann aber zu einem meiner Spiele kamen und sahen, wie gut ich spielte, hat das ihre Meinung geändert. Von da an haben sie mich unterstützt und ich durfte die Akademie von ASEC Mimosas besuchen. Dann ging alles Schlag auf Schlag.

Wie waren damals Ihre Lebensbedingungen?

Ich bin in einer grossen Familie aufgewachsen. Insgesamt sind wir acht Kinder von zwei verschiedenen Müttern, aber gewohnt haben wir alle zusammen. Aus finanzieller Sicht war es völlig in Ordnung.

Vermissen Sie Ihre Heimat heute manchmal?

Ja, sehr. Insbesondere weil dort meine Familie ist.

Und vermissen Sie Thierno Barry?

(lacht) Wie kommen Sie darauf?

Im Sommer scherzten Sie noch, Sie wollten ihn von einem Abgang abhalten. Da haben Sie versagt.

Das stimmt. Aber im Ernst: Ich habe nicht wirklich versucht, ihn aufzuhalten. Die Chance, die sich ihm bei Villarreal bietet, ist eine grosse. Dort kann er sich weiterentwickeln. Aber klar, wenn er geblieben wäre … Ich will gar nicht darüber nachdenken, wo wir dann stehen würden.

Für Sie persönlich und das gesamte Team bedeutete sein Abgang einen Einschnitt.

Ja, es hat uns kurzfristig ein wenig destabilisiert. Der gute Lauf, den wir zuvor hatten, wurde unterbrochen. Und ich selbst blieb ein paar Spiele ohne Torerfolg. Vielleicht war das aber auch nur Zufall. Klar ist: Ohne ihn war es, zumindest für mich, vorübergehend nicht mehr das Gleiche auf dem Feld.

Ihr Vertrag beim FC Basel läuft noch bis zum Sommer 2028. Wenn Sie so weiterspielen wie bisher, könnte es aber sein, dass schon bald jemand Sie vom Abgang abhalten muss, oder?

Jetzt bin ich hier. Ich will die Zeit geniessen und in allen Bereichen das Maximum herausholen. Andere Ziele habe ich mir derzeit nicht gesetzt.

Aber gibt es einen Verein, für den Sie unbedingt mal spielen wollen?

Real Madrid ist mein Lieblingsverein. Borussia Dortmund mag ich seit meiner Kindheit – vor allem wegen der Fans. Es wäre unglaublich, mal in diesem Stadion zu spielen.

Aber davor gewinnen Sie noch mit dem FCB die Meisterschaft.

Ich bin ein Wettkämpfer. Wettkämpfer wollen immer gewinnen. Aber wir werden uns nicht darauf versteifen. Wichtig ist es, dass wir besser abschliessen als letztes Jahr. Und wir werden alles dafür tun, jedes Spiel zu gewinnen.

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