Luftwiderstand, Nahrungsergänzung, Formel-1-Boliden: Die etwas andere Vorbereitung des FC Basel

Dieser Artikel wurde von BZ publiziert.


Super League

Luftwiderstand, Nahrungsergänzung, Formel-1-Boliden: Die etwas andere Vorbereitung des FC Basel

Seit einer Woche ist der FC Basel wieder auf dem Platz, die effektive Winter-Vorbereitung begann aber schon Ende November. Weil der Spielplan Kreativität erfordert – und die Basler mit Athletik-Trainer Carlos Menéndez eine Koryphäe in ihren Reihen wissen, die neue Methoden anwendet.

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Die Spieler des FC Basel befinden sich auf den letzten Metern ihrer sechs Wochen andauernden Rückrunden-Vorbereitung. Carlos Menéndez überwacht dabei alles.

Bild: Freshfocus/Montage: Aimee Baumgartner

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Carlos Menéndez spricht sehr bildhaft. Von Fussballern, die wie Formel-1-Boliden sind, oder wie Transatlantik-Schiffe. Von Münzwürfen und Millionen-Wetten.

Es ist seine Art, ein komplexes Thema herunterzubrechen, zu versuchen, seine Philosophie in Ansätzen erklären zu können. Die Idee, wie er als Athletik-Trainer Fussballer fitter machen will.

Menéndez ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Sechs Jahre lang hat er in der Nachwuchs-Akademie von Real Madrid gearbeitet, danach war er neun Jahre im Staff von Atlético Madrid. Seit Sommer ist er Athletik-Coach beim FC Basel und als dieser einer von vier Neuen im Trainerteam um Fabio Celestini.

Der Staff des FCB

Im Sommer 2024 wurde der Staff rund um Cheftrainer Fabio Celestini neu zusammengestellt. Neben Assistenztrainer Davide Callà und Goalietrainer Gabriel Wüthrich, die bereits in der Saison zuvor unter Celestini dabei waren, sind neu Carlos Menéndez, Thomas Bernhard, Luigi Nocentini sowie José Blesa im Basler Trainerstaff. Menéndez leitet die Atletik-Abteilung, seine rechte Hand ist Thomas Bernhard, der vom FCB-Nachwuchs hochgezogen wurde. Seine linke Hand ist Ernährungsberater Blesa, der zuvor bei Al-Nassr mit Cristiano Ronaldo arbeitete. Luigi Nocentini komplettiert das Team als erster Assistenztrainer. Seine vorherige Station war der FC Empoli in der Serie A. (cfe)

Seit der neue Staff die erste Mannschaft des FCB betreut, ist vieles anders. Oder wie es Vize-Captain Dominik Schmid sagt: «Es weht ein ganz anderer Wind.» So auch in dieser Winter-Vorbereitung, die so ungewohnt ist im Vergleich zu früheren Jahren in Basel.

Denn die Vorbereitung auf die Rückrunde, die für den FCB am nächsten Sonntag mit der Partie beim FC Lugano beginnt, hat für die Basler bereits vor sechs Wochen begonnen. Genau gesagt: Nach dem 1:1 des FCB gegen Lausanne-Sport am 30. November. Seither befindet sich der FCB in der Winter-Vorbereitung, parallel dazu laufender Betrieb in der Super League hin oder her.

Die Simulation einer sechswöchigen Phase

«Mit dem Start bereits Ende November wollen wir die klassischen sechs Wochen einer Vorbereitung simulieren», erklärt Menéndez. Der 49-Jährige ist federführend, brachte diesen Ansatz aufgrund der zeitlich schwierigen Komponente ein, welche die Winterpause in der Super League generiert. Denn zwischen Ende des Spielbetriebs am 14. Dezember und der Wiederaufnahme am 19. Januar liegen gerade einmal vier Wochen.

Also stand der Staff um Menéndez vor einer grossen Frage: «Machen wir gar keine Pause, oder beginnen wir schon im Dezember mit der Arbeit in Form von Sachen, die zwar in diesem Moment nicht direkt die Leistungsfähigkeit verbessern, aber auf einem chronischen Niveau, also mit Zeit und Wiederholungen, das Leistungsvermögen steigern?»

Seit Sommer Athletik-Trainer beim FC Basel: Carlos Menéndez.

Seit Sommer Athletik-Trainer beim FC Basel: Carlos Menéndez.

Freshfocus

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Die Entscheidung fiel auf Letzteres. «Alles muss immer schneller, stärker und besser sein. Mehr Spiele, mehr Tage, weniger Erholung. Dabei ist es wie bei den Formel-1-Autos: Wenn du mit 100 Stundenkilometern in eine enge Kurve einbiegst, auf der nur 50 km/h erlaubt sind, es zusätzlich schneit, neblig ist und dunkle Nacht, spielen all diese Faktoren mit hinein und bergen ein Risiko», erklärt Menéndez die Gefahren, die im Fussball herrschen. Schneller, höher, weiter – ohne Rücksicht auf den Menschen. Deshalb habe er sich für die Variante mit Pause entschieden und im Januar die Arbeit aus dem Dezember weitergeführt. Dabei wurden die Spieler wie Boliden konditioniert, damit der Effekt der zweiwöchigen Januarvorbereitung der selbe wie einer normalen, vierwöchigen Vorbereitung ist.

Besserer Luft-Fluss und mehr Sauerstoff

Teil eins dieser Konditionierung war die Nutzung von Luft-Widerstandsgeräten. Eine Arbeit, welche die Spieler zu Hause nach dem Aufstehen und vor dem zu Bett gehen machen. Der Apparat sorgt für Widerstand beim Atmen, wodurch die Muskulatur, welche verantwortlich für die Atmung ist, verbessert wird. «Dies trägt zu einem besseren Luft-Fluss bei und mit diesem wiederum sind die Jungs fähig, mehr Sauerstoff in weniger Zeit in sich zu tragen», erklärt Menéndez und ergänzt: «Damit erreichen wir, dass sie sich von kleinen Anstrengungen schneller erholen.»

Seit die Spieler zurück sind – Trainingsstart war am 2. Januar – mache sich die Methodik bemerkbar, seien die Verbesserungen erkenn- und messbar. Entsprechend konnte die Intensität der Einheiten angehoben werden, weil die frühere Regeneration bereits eingesetzt hat.

Damit dies funktioniert, bedingt es aber auch Teil 2 der Konditionierung der FCB-Boliden: jene der Nahrungsergänzungen. «Diese helfen ebenfalls dabei, dass die Erholung beschleunigt wird. Aber auch, um die generelle Müdigkeit zu verringern», so Menéndez. Die Ergänzungen sind nicht nur chemischer Art, sondern auch biologischer. Sprich: ganz simpel die Ernährung. Oder wie es Menéndez sagt: «Was isst man, wann isst man und wie isst man.» All das wird abgestimmt auf das jeweilige Training, dessen Inhalt, Intensität und Dauer.

Die Kontrollen via GPS-Tracker

Diese Nahrungsergänzungen sind im Aufgabenbereich von José Blesa, dem ersten Ernährungsberater, der fest beim FC Basel angestellt ist. Dass Blesa beim FCB ist, hat mit Menéndez zu tun. Einerseits, weil für den Spanier seine Arbeit nicht funktioniert ohne die ergänzende Aufgabe eines Ernährungsberaters. «Deshalb habe ich im Mai, als zum FCB stiess, Fabio im Gespräch schnell klargemacht, dass ich eine Figur wie José brauche.»

Ernährungsberater José Blesa. –> <!–>

Ernährungsberater José Blesa.

Marc Schumacher / freshfocus

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Andererseits, weil Menéndez und Blesa sich schon kannten, der frühere Ernährungsberater von Cristiano Ronaldo ohne diese Verbindung vielleicht nicht nach Basel gekommen wäre. «Aber José und ich sind Freunde, wir haben früher schon zusammengearbeitet und haben auch jetzt noch verschiedene gemeinsame Projekte», erklärt Menéndez die Verbindung zu seiner linken Hand, wie er Blesa bezeichnet. Er ist somit das ergänzende Puzzleteil zu seiner rechten Hand, dem Athletik-Trainer Tom Bernhard.

Die beiden Teile dieser Konditionierung, welche Menéndez, Bernhard und Blesa gemeinsam schaffen, bezeichnet Menéndez als Detailarbeit ohne grossen physischen Aufwand, deren Ertrag aber umso grösser ist. Hinzu kamen für die FCB-Profis in ihren zweieinhalb Wochen Ferien noch fünf obligatorische Trainings, welche sie absolvieren mussten, plus vier optionale. Wie und insbesondere wie gut diese Einheiten abgespult wurden, konnte von Menéndez via GPS-Tracker live verfolgt und analysiert werden.

Ein Cocktail am Strand? Kein Problem

Sorgen müsse man sich keine machen, die Profis konnten sich trotz all dieser Dinge in der kurzen Zeit dennoch erholen, sagt Menéndez lachend. Aber vielleicht mehr geistig, weniger physisch. Um Letzteres zu ermöglichen, hätte es einer längeren Pause bedingt, sagt der Basler Athletik-Coach. So aber sei es kein Vollstopp gewesen, eher eine Verlangsamung. «Wie wenn ein riesiger Transatlantik-Dampfer in einen Hafen einfährt. Da kann man auch nicht erst kurz vor dem Hafen stark bremsen, sondern nimmt nach und nach Tempo raus.» Da ist sie wieder, diese bildhafte Sprache des Carlos Menéndez.

Sie soll illustrieren: Profis auf diesem hohen Level kommen nie ganz zum Anhalten. Nicht in so kurzer Zeit. Ein Cocktail am Strand oder ein Bier in den Bergen? Das sei absolut kein Problem gewesen. «Aber sie kennen ihre ganz eigenen Limiten. So wie wir sie kennen, wenn wir nach einem schönen Abendessen mit Wein noch nach Hause fahren wollen.» Wer übertreibt, verliert sein Auto-Billett – oder eben seine körperliche Konditionierung und beginnt bei null.

All dies den «Chicos» klar zu machen, sei aufgrund der Fachbegriffe und der Komplexität der Thematik nicht immer nur einfach. «Aber es ist unabdingbar, dass sie verstehen, was sie tun und wofür sie es tun», sagt Menéndez. Nur dann würden die Spieler effektiv umsetzen, was es brauche und ihm vertrauen. «Ich habe ihnen daher zu Beginn meiner Zeit hier gesagt: Gebt mir zwei Monate Zeit. Wenn danach nicht eintrifft, was ich gesagt habe, dann reden wir wieder. Wenn es aber eintrifft, dann gibt es ab diesem Zeitpunkt keine Fragen mehr. Dann heisst es nur noch: ‹Ich sage, du machst.›»

Meister, Cupsieger, Europa-League-Gewinner

Das hat funktioniert. Oder wie es Dominik Schmid sagt: «Ich vertraue Carlos einfach. Wenn ich beispielsweise im Training nicht mehr kann, er mich aber anschaut und sagt: ‹Doch, du kannst noch! Geh noch mal!›, dann gehe ich halt noch mal.»

Dass seine Vergangenheit bei den beiden grossen Madrider Klubs dabei geholfen habe, ist Menéndez bewusst. «Es war anfangs lustig zu spüren, dass sie ganz genau zuhören, was einer sagt, der bei Atlético Madrid Erfolge feiern konnte», sagt er mit einem Schmunzeln. In seinen neun Jahren im Staff von Trainer-Legende Diego Simeone gewann Menéndez mit Atlético die spanische Meisterschaft, zwei Mal die Copa del Rey sowie ebenfalls zwei Mal die Europa League. «Wenn man das sieht, folgt man ihm einfach aufs Wort», sagt Schmid.

Von 2011 bis 2020 war Carlos Menéndez im Staff von Atlético Madrid.

Von 2011 bis 2020 war Carlos Menéndez im Staff von Atlético Madrid.

Imago

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Mit diesem Renommee hatte Menéndez auch andere Angebote, vor ein paar Jahren lehnte er beispielsweise ein Angebot von Premier-League-Klub Watford ab. Weil die Lebensumstände dort nicht gepasst hätten für ihn und seine Familie. Der Vater zweier Töchter (8 und 10 Jahre alt) wollte wieder mit seiner Familie zusammen sein, nachdem er bei seinen letzten drei Stationen in Portugal, der 2. spanischen Liga und Rumänien jeweils alleine war.

Die vage Bekanntschaft mit Celestini

Ausserdem habe er im ersten Gespräch mit Fabio Celestini gespürt, dass es harmoniere. Zwar kannten sich die beiden flüchtig aus Zeiten, in denen Celestini beim Madrider Vorstadt-Klub Getafe spielte, wirklich ausgetauscht haben sie sich aber erst im Frühling 2024.

FCB-Cheftrainer Fabio Celestini. –> <!–>

FCB-Cheftrainer Fabio Celestini.

Marc Schumacher / freshfocus

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Noch bis Sommer 2026 ist Menéndez an den FCB gebunden und will sein Projekt vorantreiben. «Jetzt, wo ich eine Batterie an Daten der Jungs habe, können wir noch spezifischer arbeiten.» Zum generellen Plan von ihm kommen individuelle Ansätze je nach Position der Spieler und deren persönlichen Daten. All Halbjahr werden deren Blutwerte kontrolliert. All Monat ihre Muskel- und Fettwerte. Täglich das Körpergewicht.

So soll das Maximum herausgeholt werden. Wie bei einem Formel-1-Boliden. Runde für Runde wird gemessen. Dann wird analysiert, in welcher Kurve Zeit gewonnen werden kann. Und dann wird diese Stelle optimiert, führt Menéndez seine Formel-1-Analogie fort.

Ob der FC Basel dank dieser komplexen Methodiken am Ende als Erster ins Ziel fährt, wird sich im Mai weisen.

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